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Das Küstenkraftwerk der Stadtwerke Kiel

Energy Markets

Interview mit Hubert Tschuschke

Mit dem im Jahr 2019 in Betrieb genommenen Küstenkraftwerk haben die Stadtwerke Kiel einen Meilenstein für die Energieerzeugung gesetzt. Die etablierte vollautomatisierte 24/7-Vermarktung am Intraday-Markt erfordert neue Prozesse und Systeme. Im Gespräch sollen daher Chancen, Risiken und die Zukunft des algorithmischen Handels in der Energiewirtschaft näher beleuchtet werden.

1- Situation:

FORRS: Guten Tag Herr Tschuschke, wie würden Sie die aktuelle Rolle des Küstenkraftwerks in Ihrer Gesamtstrategie zur Energiebeschaffung und Versorgungssicherheit nach der Produktivnahme in 2019 beschreiben?

Hubert Tschuschke: Moin! Das hochflexible Gasmotorenkraftwerk mit zwanzig Motoren mit zusammen 190 MW elektrischer und ca. 200 MW thermischer Leistung macht genau das, was es soll: In Zeiten von wechselhaften Strompreisen wird es zur Wärme- und Stromerzeugung eingesetzt. Dabei helfen uns die Optionen, die wir im Asset-Park kontinuierlich mit dem Küstenkraftwerk optimieren, wie z. B. der Wärmespeicher, die Heizwerke und auch der E-Kessel. Mit den Marktpreisen für Strom, Gas und CO2 -Zertifikate entsteht eine SWK-interne Merit Order. Und nur durch die hohe technische Flexibilität des Kraftwerks ist die Teilnahme am Intraday-Handel wirtschaftlich möglich.

2-Problem

FORRS: Und welche Herausforderungen haben Sie bei der Umstellung von manuellen Handelsprozessen auf eine vollautomatisierte 24/7-Vermarktung identifiziert?

Hubert Tschuschke: Es gab eine Menge Herausforderungen die wir im Wesentlichen dadurch lösen konnten, dass wir tradierte Prozesse und Systeme durch neue Lösungen ersetzt haben. Konventionelle Standard-IT Prozesse in Excel und E-Mails abzubilden, ist überholt und wird den neuen Anforderungen nicht mehr gerecht. Somit war es unter anderem notwendig, neben einer zentralen Zeitreihendatenbank als performante und alleinige Dateninstanz auch optimierte Onlineschnittstellen mit KritisV-konformer Anbindung an das Fernwärmeleitsystem und Küstenkraftwerk aufzusetzen. Ergänzend zu technischen Maßnahmen war auch ein neues Mindset und die Qualifikation der Mitarbeitenden in der Leitwarte und Einsatzplanung essenziell.

3-Implication

FORRS: Welche Risiken sehen Sie, wenn Automatisierung und Datenintegration nicht konsequent umgesetzt werden – sowohl für die Wirtschaftlichkeit als auch für die Versorgungssicherheit?

Hubert Tschuschke: Die Teilnahme am Intraday-Markt verzeiht keine Halbherzigkeit. Das bedeutet, Prozesse müssen robust abgebildet werden und jederzeit einen eindeutigen Status haben. Fehler müssen automatisiert registriert und die Wiederherstellung des Sollzustands angestoßen werden. Entsprechendes Monitoring und Workflows bis hin zur hochqualifizierten Rufbereitschaft sind für uns Basics, um mit den operativen Risiken umzugehen.

4-Need-Payoff

FORRS: Welche konkreten Vorteile erwarten Sie durch die vollständige Integration der neuen Handelsarchitektur und Optimierungsmodelle?

Hubert Tschuschke: Sie unterstützen uns bei der wirtschaftlich optimierten Vermarktung und Beschaffung unseres gesamten Energieportfolios und stellen somit eine wichtige Säule für das Unternehmensergebnis der Stadtwerke Kiel dar.

5-Zukunftsperspektive

FORRS: Wie bewerten Sie die geplante Umrüstung des Küstenkraftwerks auf Wasserstoffbetrieb im Hinblick auf Ihre Klimaziele und Marktposition?

Hubert Tschuschke: Die Stadtwerke Kiel verfolgen das Ziel, bis zum Jahr 2035 die gesamte Strom- und Wärmeerzeugung klimaneutral zu gestalten. Ein wesentlicher Baustein ist dabei die Umrüstung des derzeit mit Erdgas befeuerten Kraftwerks auf den Brennstoff Wasserstoff. Die technische Anpassung der Motoren ist hier die erste Hürde, ebenso wichtig sind aber die Fragen nach der netztechnischen Anbindung sowie der zukünftigen Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Wasserstoff. All das ist derzeit sehr ungewiss.

6-Organisation & Kultur

FORRS: Welche Veränderungen in der Organisation und den Kompetenzen Ihrer Teams waren schlussendlich notwendig, um die neuen Prozesse erfolgreich einzuführen?

Hubert Tschuschke: Der Prozess und die Zusammenarbeit mussten über die Grenzen meines Teams hinaus neu gedacht werden. Die Interaktion zwischen der Kraftwerks- und Fernwärmeleitwarte und meinem Fachbereich wurde dabei auf eine neue Grundlage gestellt und hat heute ein Niveau erreicht, auf dem Technik und Vermarktung optimal ineinandergreifen. Dadurch ist jederzeit klar, welche Erzeugung wirtschaftlich vermarktet wird und wie das Kraftwerk entsprechend optimal betrieben werden kann. Besonders bewährt hat sich dabei die Kombination aus ingenieurwissenschaftlichem Know-how sowie energiewirtschaftlicher und IT-seitiger Expertise.

7-Erfolgsfaktoren

FORRS: Zu guter Letzt die folgende Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Erfolgsfaktoren, damit die datengetriebene Energiebeschaffung langfristig stabil und skalierbar bleibt?

Hubert Tschuschke: Essentiell sind meiner Ansicht nach der Aufbau und Erhalt von Prozess- und Methodenkompetenz, und eine modulare IT-Landschaft, die mit eigenen Ressourcen angepasst und weiterentwickelt werden kann, sowie motiviertes und gut ausgebildetes Personal.

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FORRSight Magazin
AUSGABE 05

Dieser Artikel erscheint in unserem FORRSight Magazine.

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